Gesellschaft

Alles gut so

"Normal". "Normalität".
Ich mag diese Wörter nicht. Was ist "normal"?
Wenn wir etwas bewerten (und das tun wir tagtäglich in irgendeiner Form), also sagen, dass etwas "gut", "schlecht", "besser", "schwach", "mies", "super" und so weit ist, gehen wir zwangsweise davon aus, dass es eine Mittelform geben muss, eine Art "Normalwert", von dem aus gesehen etwas ins Positive oder Negative geht. Ein Ideal wäre zu viel gesagt, schließlich gibt es nichts Besseres als das Ideale und man könnte die Dinge nur insofern beurteilen, als sie nur wenig, um einiges, sehr viel etc. schlechter sind.
Ich lese ein Buch. Jemand will von mir wissen, wie ich es finde. Gedanklich komme ich wohl sofort darauf, ob es meinem Geschmack entspricht, zumindest im Groben, ohne auf Details einzugehen. Es "gefällt mir" oder "gefällt mir nicht", um es so zu sagen. Das setzt aber voraus, dass, in ersterem Fall, es ein "Normalbuch" geben muss, das mir schlechter gefällt und umgekehrt eines, das ich besser finde. Nur: woraus setzt sich dieses zusammen? Aus allen Büchern, die ich je gelesen habe? Nun, irgendwie entsprechen diese alle entweder meinem Geschmack oder nicht, lassen sich somit in eine der beiden Kategorien, nicht aber in die des Normalen einteilen. Oder erschaffe ich vielleicht ein mir unbewusstes Gesamtmeinungsmittel? Wobei sich dann wieder die Frage stellt, wonach ich das allererste von mir bewertete Buch bewertet habe - wenn doch vorher kein Mittel da war, um zu sagen ob dieses Buch nun besser oder schlechter (als was auch immer) ist.

Aber in anderen Belangen stört mich dies noch viel mehr. Man nehme Aussagen wie "Du bist ja nicht normal!", "Normalerweise verhält man sich in diesem Alter aber anders!" oder "Was für ein abnormales Denken!". Woran macht man hier fest, was denn normal und somit auch abnormal ist? Ist ein Verhalten normal, weil es in der Natur öfters vorkommt, weil es überhaupt nicht nur bei uns Menschen vorkommt? Das wäre dann die biologische Normalität. Die gesellschaftliche kann man wohl am besten als "Was die Meisten tun, ist normal" beschreiben, aber das ist auch nicht das Wahre, denn damit geht der Individualismus eindeutig zu Grunde. Und ansonsten wäre ein Indiz für Normalität wohl das, was wir am öftesten erleben, was uns täglich erscheint, bis wir es als "normal" akzeptieren. Beispielsweise dass die Sonne in der Früh aufgeht, die Menschen auf der Straße vor- und nicht rückwärts gehen oder dass man bei erstmaligem Zusammentreffen ein paar Worte sagt, die dann als "Begrüßung" gelten. So etwas ist normal, das ist ganz klar, und wer sich nicht daran hält, ist eben abnormal. Ich hoffe man merkt den Zynismus.

Klar, gewisse Normen sind für den Erhalt einer Gesellschaft von Notwendigkeit (zumindest gehe ich vorerst davon aus). Aber wichtig ist ebenso, dass man diese hinterfragt und nicht alles, was ihnen nicht entspricht, als "abnormal" und somit schlecht abtut. Denn wenn wir von Normalität reden, meinen wir im Grunde doch nur unsere eigenen Idealvorstellungen, so, wie es für einen persönlich aussehen sollte und weitergehend auch, wie es nicht zu sein hat. Aussagen sind natürlich subjektiv und wenn ich behaupte, Geschrei auf der Straße wäre in meinen Augen abnormal, hat das bestimmt seine Berechtigung als eigene Meinung. Aber vielleicht kann man manchmal dennoch seine Wortwahl überdenken und mit schweren Termini wie eben "normal" nicht so leichtfertig um sich werfen. Denn wenn man behauptet, etwas sei "normal", dann nimmt man sich schon verdammt viel heraus, da man sozusagen alleine das Soll festsetzt, nach dem sich möglichst alles zu richten hat.

Das Ganze könnte man noch um einiges weiter ausführen, was ich vielleicht auch noch machen werde. Aber jetzt bin ich müde, und damit ich nicht Gefahr laufe, morgen von dem Text nicht mehr angetan zu sein, schicke ich ihn lieber gleich ab. Wie gesagt, Ergänzungen könnten folgen.

27.12.06 06:29, kommentieren

Gesundheit! - Also bitte...

Vor ein paar Tagen waren ich und 3 Freunde bzw. Freundinnen bei einer dieser Freundinnen zum Schauen von V wie Vendetta eingeladen.
Während einer Pause zum Essenmachen kam es dazu, dass der Freund, C., nieste. Darauf kamen von Seitens der beiden Mädchen, I. und N., ein "Gesundheit", wie man es gewohnt ist - ich lasse dies meistens aus, warum, steht dann weiter unten. Anschließend meinte I. jedoch, dass ihre Englischlehrerin erzählt hätte, dass diese Floskel neuerdings unhöflich sei und man nicht mehr "Gesundheit" nach dem Niesen sagen sollte.
Ich war zunächst natürlich erstaunt und fragte sie, wieso man das denn nicht mehr sagen sollte. Sie meinte darauf, dass das jetzt eben so sei und als Unhöflichkeit gelte. Irgendwie fiel mir dann Thomas Schäfer-Elmayer und sein Benimmbuch ein. Da sie jedoch nicht genau wusste, wer diese neue "Regel" nun aufgestellt hatte, war das natürlich nur eine Vermutung.
Allerdings hielt I. fest daran, dies nun nicht mehr zu sagen bzw. es als schlecht anzusehen, weil dieser oder diese Jemand seit Neustem behauptet, dass der Besserungswunsch so gemeint wäre.

Ich war ehrlich gesagt ziemlich entsetzt. Ich habe zwar nichts gegen I., frage mich aber dennoch, wie man so gedankenlos und ohne Hinterfragung dererlei rein subjektive Diktierungen einfach hinnehmen und als richtig ansehen kann. Es ist in Ordnung, wenn sie für sich selbst entscheidet, diese Floskel nicht mehr zu verwenden - das allerdings zu tun, weil ein selbsternannter Benimmexperte das so will, finde ich schon ein starkes Stück.

Wer macht die Anstandsregeln in unserer Gesellschaft? Nicht die Gesellschaft selbst, sondern eine Gruppe von Menschen, die sich dafür ohne Weiteres berufen fühlt? Und selbst wenn jener Verfasser der neuen "Regelung" sich mit Soziologie und üblichen Umgangsformen auskennt, so müsste dieser doch selbst am besten wissen, dass es negativ wirkt, wenn man der Kulturgruppe eine bestimmte Verhaltensweise aufzwängt, ohne dass diese einen längeren Entwicklungshintergrund war.

Und noch zur Frage, wieso ich kaum "Gesundheit" wünsche: Ich bin der Ansicht, dass beim Niesen in den wenigsten Fällen eine Krankheit die Ursache ist. Meistens werden ganz einfach umherfliegende und in die Nase gelangene Staubkörnchen mit dem Niesen ausgestoßen, ebenso tritt bei ~35% der Menschen (so auch bei mir) der so genannte Photische Niesreflex auf.
Wenn jemand wirklich verkühlt ist, merkt man das normalerweise aber sowieso zuletzt am Niesen - Röcheln und das typische Schleimaufziehen sind da eher Indizien. In diesem Fall wünsche auch ich nach dem Niesen gerne eine baldige "Gesundheit".

4 Kommentare 19.11.06 01:46, kommentieren