Trügt mich denn des Lichtes Schein?


Esse est percipi (vel percipere)
~ George Berkeley

"Sein heißt: Wahrgenommen werden (oder Wahrnehmen)" - diesen Satz formulierte der irische Philosoph Berkeley vor ca. 330 Jahren. Was damit gemeint war, ist relativ einfach erklärt:
Objekte existieren im Grunde nur als Wahrnehmung - dadurch, das sie von Subjekten (das entspricht uns Menschen) wahrgenommen werden (die alleine dadurch ebenso existieren, in Bezug auf die Klammer des Zitats), sind sie "da". Daraus folgt jedoch zwangsweise, dass wir nie die Dinge als ein Gesamtes erleben, sondern immer nur ihre einzelnen Komponente, je nachdem, was wir gerade wahrnehmen.
Ein Beispiel: Man geht zu einem Holztisch und berührt ihn. Wahrgenommen wird nicht "der Tisch" an sich, sondern das Gefühl auf der Handfläche, das der Tisch auslöst; ebenso, sofern man ihn ansieht, die Lichtwellen, die vom Tisch ausgehen, sowie - sollte man sogar noch die Nase an das Möbel halten - den Geruch, den das verarbeitete Holz verströmt.
Würden wir uns also umdrehen und nur die Hand auf dem Tisch verweilen, könnten wir uns nicht dessen sicher sein, dass der Rest (also dort, wo die Hand nicht den Tisch berührt) auch wirklich existiert. Vielleicht gibt es in diesem Moment (warum auch immer) nur genau die Fläche des Tisches, auf dem unsere Hand liegt; oder vielleicht gibt es sie gerade weil dort unsere Hand liegt und die anderen Teile des Tisches nicht - weil sie eben nicht von einem Subjekt wahrgenommen werden (sie liegen schließlich nicht mehr in unserem Augenwinkel).

Somit gilt die Schlussfolgerung, dass die uns umgebende Welt quasi abhängig von uns Erkennenden ist. Je nachdem, wie ein Subjekt ein Objekt erlebt, ist es auch, was wohl der Grund ist, weshalb seine Ansichten als "radikaler subjektiver Idealismus" bezeichnet werden.
Als weitere Konsequenz stellt er somit fest, dass metaphysische Ideen bis zu einem gewissen Grad (dazu gleich mehr) nichtig sind, da sie niemals erfasst werden können. Der Zeitbegriff (zu dem ich noch einen eventuell darauf aufbauenden Text schreiben werde) ist somit auch rein subjektiv, eine "absolute" Zeit findet man nicht vor - sozusagen ein weit vor Einstein existierender Relativitätsbegriff.

Nun kommt Berkeley aber zu einem Punkt, mit dem ich als Atheist nicht ganz einverstanden bin:
Auf der Suche nach einer Quelle für diese Erfahrungen (der Tisch erzeugt ja nicht ohne Weiteres das "Gefühl" des Berührens auf unserer Haut) kommt er zu Gott: Dieser wäre Ursache der "Ideen" der Objekte (?), er als Allmächtiger ruft die Ideen in unserem Bewusstsein hervor, wenn wir mit einem Objekt sinnlich in Berührung kommen. Somit entspringen die Erfahrungen nicht den Objekten selbst, sondern vielmehr Gott, der sie uns im passenden Moment injiziert.

So, nun aber zu meiner Kritik: Da ich an kein göttliches Wesen glaube, ist zumindest diese Theorie hinfällig. Wer oder was ist dann jedoch Ursache für die Sinneserfahrungen? Weshalb spüren wir den Tisch, wenn dieser selbst (höchstwahrscheinlich) keine Impulse aussendet?
Ich finde, hier kann man die schon oben zitierte Ideenlehre Platons recht gut anwenden, allerdings nur, wenn man sie erweitert: Die Ideen, die wir von den Objekten haben, helfen uns nicht nur, sie zu kategorisieren und zu beschrieben, nein - in ihnen sind auch die Erfahrungen, die wir beim Wahrnehmen der zugehörigen Objekte machen, enthalten.
Sehe ich also einen typischen Tisch, dann vermittelt mir nicht Gott das Bild des Tisches, sondern die Idee der Tischheit, die sich ja auch auf diesen Tisch bezieht. Schwierig wird es dann nur, wenn man bedenkt, dass viele verschiedene Tische existieren, nicht nur der Tisch an sich, der die Idee darstellt. Doch in diesem Fall wirken ganz einfach mehrere Ideen gleichzeitig: Die des Holzes, die des Lackes und die der runden Form. Sie erstellen gemeinsam den Tisch, den ich vor mir habe - und somit auch die Sinneserfahrungen, die von ihm ausgehen.

Ich bin mir nicht sicher, ob letztere Idee mit der Ideenlehre Platons wirklich konform wäre. Jedoch sollte man sie in diesem Falle als meine eigene Lehre betrachten: Die der Ideen, die gleichzeitig Erfahrungsträger und -aussender sind.

22.11.06 00:52

bisher 7 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Raiby (22.11.06 12:27)
Natürlich sind deine Ideen (in diesem Fall deine Theorie und nicht "Idee" im Sinn der Ideenlehre) nicht ganz konform mit den Ideen von Berkeley oder Platon. Sie haben früher gelebt als du (um einiges länger muss man sagen) und hatten ihre festgesetzten Ideen. Du aber setzt diese Theorien zusammen. Das ist der Unterschied zwischen ihnen und dir.

PS:
Bin auch Atheist und deshalb finde ich auch deine Theorie/Lehre besser als die von den Beiden hier.


teh lias (22.11.06 18:59)
seine theorie ist nicht hinfällig, bloß weil du nicht an ein göttliches wesen glaubst.
du kannst nicht wissen ob derartiges existiert oder eben nicht. wenn doch lass ich mich gern belehren.

und weder du noch der tisch existieren! ^.^


sebi (22.11.06 21:06)
klar braucht Berkely Gott als "Gosse in dem alles zusammenfleißt". Dogmatischer Begründungsabbruch. Das und logischer infiniter regress und Zirkelbeweise sind die drei stoßrichtungen des Skeptizistischen Arguments gegen jede sichere Erkenntnis.
Solange es nur "Logik" und "Empirie" nebeneinander gibt und diese auch nicht verbunden werden (das wollte Kant) also der Begriff des Transzendentalen neu bestimmt wird, ist das Skeptizistische Argument auch nicht zu überwinden. Der schlüssel zur Überwindung liegt in dem, was man "Befindlichkeit" oder "Gefühle" nennt, die dem Menschen Wesenskonstitutiv sind.


Chibi / Website (22.11.06 23:20)
@Raiby: Stimmt schon - es war auch mein eigentliches Ziel, eine Art eigene Theorie zu schaffen, die sich jedoch der Mittel Berkeleys und Platons bedient. Die "Idee" hat ganz einfach gut gepasst, wenn man einen Gefühlsübermittler sucht.

@lias: Seine Theorie ist _für mich_ hinfällig. Meine Theorie ist ja nicht mehr wert als Berkeleys, sie geht die Sache nur anders, atheistisch eben an. Wer "Recht" hat, kann man ohnehin nicht sagen, denn selbst wenn eine der beiden Möglichkeiten zuträfe, so könne man das nie herausfinden.

@Sebi: Das mit dem dogmatischen Begründungsabbruch habe ich verstanden, allerdings würde mich interessieren, wie man sichere Erkenntnis mit infinitem Regress widerlegen kann.
Vielleicht kannst du dazu noch was schreiben.

Hm, ja, ich bin ja auch kein reiner Empirist oder Rationalist und stimme mit Kant schon überein, dass eine Verbindung der beiden Ansichtspunkte am ehersten zum Ziel führt. Nur: Wie meinst du, dass man mit den "Gefühlen", die dem Menschen wohl gegeben sind, den Skeptizismus überwinden kann?
Meine Theorie beinhaltet zusätzlich ja auch einen rationalistischen Standpunkt: Den der Ideen als Erkenntnisübermittler, diese sind empirisch ja auch nicht zu erklären. Ich hab's zwar anders als Kant, aber dennoch kombiniert - oder ist das ein Irrglaube?


Mumih (23.11.06 17:16)
Und was hälst du von dem Absatz mit der Metaphysik?


Chibi / Website (23.11.06 19:37)
Welcher Absatz wo? o.o
Bei Sebis Kommentar, in meinem Text, woanders?


sebi (23.11.06 21:36)
also das Argument sieht wie folgt aus:
Logische Regeln bieten nur bedingte Zuflucht für letztbegründungen. Weil das sind anwendungsregeln. und um die anzuwenden brauchst du anwendungsregeln für die anwendungsregel, und immer so fort - infiniter regress.
Dogmatischer abbruch der erklärung - eh schon wissen.
Und Zirkelschlüsse - wie zb der ontologische Gottesbeweiß, der nur besagt "Wenn Gott Gott ist, ist Gott Gott." Alle logischen beweise sind Zirkelschlüsse weil sie immerschon vorraussetzen, as sie zum Ergebnis haben.

Zu den Gefühlen: Deine gefühle sind real damit ist es nicht zu bezweifeln, dass du etwas fühlst. Und wenn du zb hungrig bist dann hilft dir der hinweis darauf dass Leberkässemmeln nicht existieren nichts, du hast immernoch hunger - das Gefühl ist realer als etwaige skeptizistische Enwände.

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